Auf der Suche nach dem perfekten Sound
Yello sind die Pioniere der elektronischen Musik. Und die Versöhnung von Pop mit wahrer Kunst. Seit 30 Jahren existiert das Duo und hat nichts an Strahlkraft eingebüßt. FELD HOMMES begleitete Dieter Meier und Boris Blank auf der Jagd nach neuen Klängen.
Zürich, Züriberg, der Spätsommer hat noch einmal beschlossen, die große warme Sonne anzufeuern. Unten im Garten seiner Villa sitzt Dieter Meier mit nacktem Oberkörper auf einem Rudertrainingsgerät und schnauft. Oben durchs Haus geht Boris Blank etwas nervös umher, er ist sich nicht sicher, ob ihm das Hemd steht. Die beiden sind Yello, dieser Ausnahmefall der Popgeschichte. „Touch Yello“, ihr neues Album, wurde im Oktober in Berlin im Rahmen von Electronic Beats Classics präsentiert und setzt wieder einmal Maßstäbe. Meier und Blank zusammen zu treffen ist etwas Besonderes, denn obwohl oder gerade weil sie zusammen so lange funktionieren, sind sie als Zweierpack eine Seltenheit. Spätnachts, Blank ist zu seiner Familie gefahren, legt sich Dieter Meier auf die Couch in seinem Wohnzimmer, wo der Diego-Giacometti-Tisch steht, und sagt: „Interview. Baum, Sie sind jetzt Freud, ich mache die Augen zu.“ Und das Feld-Gespräch beginnt...
FELD HOMMES: Sie existieren seit 30 Jahren als Duo, für die letzte Platte haben Sie sich sechs Jahre Zeit gelassen. Ist das nicht ein Äon in der schnelllebigen Plattenindustrie? Dieter Meier: Der Prozess hat mit der Natur Boris Blanks zu tun, der es liebt, 50 Bilder gleichzeitig zu malen. Er ist ja ein Tonmaler, und er hat in seinem Studio alle angefangenen Bilder stehen, die er parallel nach vorne bringt. Dann macht er hier und da mal ein Blümchen rein und stellt das Gemälde wieder weg … Wir wissen selbst auch, dass sechs Jahre ein unglaublich langer Zeitraum sind, um nichts von sich hören zu lassen. Aber er liebt das eben, so zu arbeiten. Früher war es anders, aber heute als wohlhabender Mann, ist er ja auch nicht darauf angewiesen, etwas zu veröffentlichen. Er hängt die Gemälde – um bei dem Bild zu bleiben – erst in die Ausstellung, wenn er es für richtig hält. Ich darf der erste Vernissagengast sein, weil ich ja eine Rolle darin spiele.
In diesen langen Prozessen, wo Boris Blank die Musik macht, existieren Yello da überhaupt? Ja, ich höre manchmal rein, was Boris macht, das Wichtigste an meiner Aufgabe ist, dass ich ihn davor bewahre, seine Bilder immer wieder zu übermalen. Manchmal sind ja die ersten Entwürfe die besten, und sein Perfektionierungswille kann manchmal schaden.
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Es gibt das Klischee, dass der finanzielle Erfolg, die künstlerische Freiheit eher betäubt. Wie habt ihr das umgangen? Wir haben auch nicht nur starke Platten gemacht, obwohl wir dachten, jedes Mal alles neu erfunden zu haben. Der Weg war nie, dass wir damit bloß Erfolg haben wollten, sondern es war immer lebenswichtig zur Erfindung oder Findung der eigenen Person im Sinne des Werdens wie die Kinder. Das ist eine andere Methode, wenn man nach außen hin etwas kreiert, um ein Popstar zu werden. Für Boris Blank war es überhaupt keine Frage, dass er sein Leben lang Musik machen möchte, egal wie er sich mit Lkw-Fahren den Unterhalt verdienen muss … Für ihn gab es gar nichts anderes. Wir waren nie in der Situation, ein Instrument so gut spielen zu können wie Jimi Hendrix alles rückwärts und Eric Clapton seitwärts … Wir sind immer wie kleine Kinder gewesen, die im Sandhaufen sitzen und nicht anders können.
Sie scheinen eine Professur in der Disziplin Leichtigkeit zu haben, also eine Art Dadaismus mit großem Ernst zu verfolgen … Ich sehe mich schon selbst als Luftikus und wundere mich, dass ich meine Ideen konsequent und fast zwanghaft verfolge. Ich arbeite seit 20 Jahren an einem Film, der einfach nicht fertig wird.
Aber ich war doch in Berlin vor einigen Jahren auf der Premiere mit Rod Steiger … Ja schon, aber das Werk war in der Post Production entglitten, ich habe dann noch mal alles neu geschrieben, auseinandergenommen und neu gemacht. Ich bleibe an den Dingen und weiß nicht, wieso. Ich bleibe eben dran.
Wachstum war lange Zeit das Zauberwort unserer Gesellschaft, das nun seine Strahlkraft stark eingebüßt hat. Wie stehen Sie zum Wachstumsglauben? Das ist ganz schwer, dazu etwas Gutes zu sagen. Wenn man in einer Sache erfolgreich ist, dann ist es sehr schwierig, das Wachstum, das sich einstellt, künstlich zu halten … Ich glaube, es ist dem Kapitalismus immanent, dass er in seiner zweiten Natur dem Menschen sprichwörtlich über den Kopf wächst. Der Mensch, der glaubt, dass er das System kontrolliert und im Griff hat, lügt sich selbst in die Tasche. Es ist das System selbst, der Moloch des Kapitalismus, der ständig nach Wachstum schreit. Und wenn er sein Wachstum nicht mehr bekommt, nach dem er schreit, dann veranstaltet er einen Krieg oder eine Krise wie gerade.
Von Jan Riephoff (Fotos) und David Baum (Interview)
This is an abridged version of the original interview from FELD HOMMES "Wachsen". This issue will be out end of November. As soon as we can get our hands on the first copies, you can buy it here.
Want to see more from yello? We have this article about their virtual concert.
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